Die Aussichten für 2010, in: bdp aktuell 58 | Dezember 2009

„Aufwärts im Kriechgang - oder mit Vollgas voraus?“

Die deutsche Wirtschaft 2010: Vortrag von Prof. Dr. Heik Afheldt auf dem bdp-Unternehmer-Symposium in Berlin

Schnecke

Wer gekommen ist, um sich düstere Stimmungen bestätigen zu lassen, den muss ich enttäuschen. In meinem Vortragstitel gibt es keinen Rückwärtsgang. Aber es gab schon Jahresenden, wo es leichter war, ein einigermaßen klares Bild vom Folgejahr zu gewinnen.

Einerseits häufen sich die Meinungen, die das kommende Jahr grau bis schwarz malen. Und es gibt viele Tatsachen, die einen pessimistisch machen können: Da sind die Altlasten in den Bilanzen vieler Banken und Versicherungen. Leider wächst rundherum auch die Arbeitslosigkeit. Die Bundesanstalt in Nürnberg erwartet im Jahresdurchschnitt für 2010 eine Arbeitslosenzahl von 4,1 Millionen und ein Defizit von 17 Milliarden Euro. Auch die Zahl der Insolvenzen ist erschreckend. Sie ist in den ersten acht Monaten dieses Jahres auf fast 22.000 gestiegen.

Prof. Dr. Heik Afheldt

Prof. Dr. Heik Afheldt
war Herausgeber von Wirtschaftswoche, Handelsblatt und Tagesspiegel sowie Chef der PROGNOS AG. Wir dokumentieren seinen Vortrag vom Berliner bdp-Unternehmer-Symposium stark gekürzt.

Viele Unternehmen verschieben ihre Investitionen, weil sie keine Besserung in Ihren Märkten erwarten oder weil die Kredite nicht zu akzeptablen Konditionen ausgereicht werden. Die stimulierenden Effekte der Konjunkturprogramme werden nachlassen. Besondere Sorgen machen die Verschuldungen der öffentlichen Haushalte. Niemand hat eine genaue Vorstellung, wie die Exitstrategie aussehen soll. Wird man versuchen, die öffentlichen Schulden durch eine kräftige Inflationspolitik zu senken?

Andererseits sehen immer mehr Menschen Licht am Ende des Tunnels. Die Aktienmärkte haben seit Februar dieses Jahres enorme Gewinne verbucht. In Deutschland ist der Konsum relativ wenig zurückgegangen. Bei vielen Menschen ist die Krise noch gar nicht angekommen. Die Zahl der Arbeitslosen ist bei uns weit unter den vorhergesagten 4,5 Millionen geblieben. Und die Erwartungen vieler Unternehmer, das zeigt der Ifo-Geschäftsklimaindex, sind weiter gestiegen. Wie kommt das? Unser „Yes we can“ sind die riesigen Transfervolumina und die vielen Einkommen, die gar nicht von einem Arbeitsplatz abhängig sind. Das ergibt eine Stabilisierung gegen eine zu starke Abwärtsbewegung. Im Moment ist etwas, das auf Dauer Sorgen machen muss, eher positiv. Positiv ist auch, dass die Wirtschaft nicht überall so zusammengebrochen ist wie bei uns. In China ist nur das Wachstum geschrumpft, nämlich von 13 auf 8,4 Prozent in 2009.

Bei diesen widersprüchlichen Trends kann man den alten Roosevelt verstehen, der sich einen einarmigen Ökonomen gewünscht hat, damit er nicht immer hören muss: „One the one hand it looks better, but on the other hand it might be worse!“ Und trotzdem müssen wir ein klares Bild von der Zukunft gewinnen, obwohl die Modelle, mit denen wir Wirtschaft voraussagen, in der jetzigen Krise größtenteils versagt haben.

Was also tun? Ich bleibe immer ein liberaler Fundamentalist. Und wenn ich als Fundamentalist in den Mastkorb steige, dann wird sich zeigen, dass das Bild des nächsten Jahres auch davon abhängt, wie die Entwicklung mittelfristig verlaufen wird. Ich will fünf bestimmende Megatrends skizzieren.

1. Megatrend: Demografie als halbwegs sicheres Standbein

Das sicherste Standbein ist die Demografie. Zur Zeit von Kaiser Augustus betrug die Weltbevölkerung gerade mal 200 Millionen Menschen. Allein im vorigen Jahrhundert stieg sie dann von 1,6 auf 6,1 Milliarden. In den nächsten 30 Jahren ist mit einer weiteren Zunahme um 2,4 bis 2,6 Milliarden zu rechnen. In Europa allerdings wird bis 2050 die Zahl der Bewohner von 730 auf 660 Millionen zurückgehen. Der Anteil der Europäer an der Weltbevölkerung wird dann gerade noch acht Prozent betragen.

Und Deutschland? In Deutschland geht es bergab. Und die Geschwindigkeit bestimmen nicht wir selbst, sondern die Zahl der Zuwanderer. Besorgniserregend ist bei uns die Vergreisung. Und wie kann man die Geburten pro Frau erhöhen? Ob es in Deutschland gelingt, wage ich zu bezweifeln. In Frankreich allerdings ist es gelungen.

Wenn wir uns also Pessimismus einimpfen wollen, müssen wir auf die demografische Entwicklung in Deutschland und Europa schauen. Wenn wir aber nach Wachstumspotenzialen suchen wollen, müssen wir die weltweite Entwicklung betrachten.

2. Megatrend: Strukturwandel: Aus schöpferischer Zerstörung entsteht Neues

Der ökonomische Strukturwandel hin zur Dienstleistungsgesellschaft wird so weitergehen, wie bisher: Es werden alte Arbeitsplätze zerstört, während neue aufgebaut werden. Die 2 Prozent, die heute in der Landwirtschaft arbeiten, produzieren mehr als die 60 Prozent, die es noch vor 100 Jahren waren. Vier Fünftel der Arbeitsplätze sind heute Dienstleistungsarbeitsplätze.

Der Strukturwandel wird angetrieben durch einen Wandel der Bedürfnisse: Früher stand die Befriedigung physiologischer Bedürfnisse, also nach Nahrung, Wohnung etc., sowie von Sicherheits- und sozialen Bedürfnissen im Vordergrund. Bedürfnisse nach Wertschätzung und Selbstverwirklichung waren nachgelagert oder gar nicht bekannt. Heute ist der Aufwand, den wir zur Bedürfnisbefriedigung treiben, genau umgekehrt. Deshalb boomen der Tourismus, Museen und Religionen, während in der Landwirtschaft nur noch 2 Prozent arbeiten.

3. Megatrend: Anhaltende Innovationen durch Technologie, Wissenschaft und Ökologie

Kontradieff hat mit seinen Zyklen gezeigt, wie immer ein Cluster von Innovationen ein kräftiges Wirtschaftswachstum angeschoben hat: Von der Dampfkraft zur Eisenbahn, über Ottomotor und Elektrizität zu Transistortechnik samt Fernsehen und Massenkultur. Heute haben wir die Innovationen aus Mikroelektronik, Biotechnologie und hochwertigen Dienstleistungen. Diese Techniken sind noch nicht am Ende und werden weitere Märkte eröffnen. Dazu müssen wir allerdings unsere Produkte und Produktionsweisen umbauen, weil wir zu wenig Rohstoffe und nur endliche fossile Energien haben und weil unsere Umwelt das herkömmliche Produzieren nicht mehr erträgt, vor allem nicht weltweit.

4. Megatrend: Wertewandel und neue Biografien

Der Wertewandel von der Pflichtkultur der 50er-Jahre, als Fleiß, Pflicht, Familie, Frömmigkeit die bestimmenden Werte waren, hat uns in den 70er- und 80er-Jahren zum Hedonismus geführt: Im Mittelpunkt standen das Ich und Fun, Leistung und Materielles, Lust und Eros. Zur Jahrtausendwende wurde dieser hedonistische Wertekanon ganz wörtlich als sinnlos empfunden. Der Soft-Individualismus entstand mit einer neuen Sehnsucht nach Sinn und einem Streben nach Kultur, während persönliche Zeit im Überfluss zur Verfügung steht. En vogue sind jetzt Erfahrung, Engagement, Freundschaft, Spiritualität und Natürlichkeit.

5. Megatrend: Renaissance von Politik und Staat

Wenn wir fragen, wie der Ordnungsrahmen für unsere Wirtschaft aussehen soll, hören wir einen kräftigen Ruf nach mehr staatlicher Fürsorge und Kontrolle. Das ist bedrohlich, weil der Staat heute schon einen schier unstillbaren Hunger nach mehr Abgaben und Steuern hat. In Deutschland werden 60 Prozent unseres Bruttosozialprodukts über den Staat umgelenkt. Das ist zu viel! Wenn alle voller Häme auf die Neoliberalen schauen, wird übersehen, dass die Liberalen der Freiburger Schule eine sehr kräftige Hand des Staates wollten. Aber sie wollten nicht Mitspieler, sondern Schiedsrichter sein.

Was bedeutet das für die Zukunft der Weltwirtschaft und die deutsche Wirtschaft?

Wir werden uns sicher nach einer irritierenden Fahrt talwärts wieder aufwärts bewegen. Das Profil der neuen Weltwirtschaft habe ich skizziert: Wachstum ist auch die Devise von morgen. Mit Wachstum messen wir ja die Geschwindigkeit, mit der unsere Wirtschaft erneuert wird. Wenn es physische Grenzen des Wachstums gibt, etwa die fossilen Energien, dann ist es doch umso notwendiger, auf erneuerbare Energien umzustellen. Und diese Umstellungen sind Wachstumsbeiträge. Das einzige Wachstum, das wir begrenzen müssen, ist der Verbrauch von Umwelt und Rohstoffen. Das wirtschaftliche Wachstum sollten wir so stark wie möglich beschleunigen und das Wachstum sozialer Gerechtigkeit auch.

Die deutsche Wirtschaft wird nach dem Rückschlag wieder kräftig auf Wachstumskurs gehen. Die Gewinnerbranchen haben wir gesehen. Wir haben es weiterhin mit einer schrumpfenden Bevölkerung zu tun. Für viele Unternehmen wachsen deshalb ihre Märkte, aber nicht in Deutschland. Trotzdem wird der Pro-Kopf-Wohlstand nicht zurückgehen. Wir werden aber in den Weltranglisten nicht mehr überall oben stehen. Exportweltmeister wird vermutlich schon 2009 China werden.

Was verspricht das Jahr 2010?

Die Wirtschaftsweisen haben in ihrem Frühjahrsgutachten 2009 noch eine tiefe Rezession von 6 Prozent vorhergesagt. Mittlerweile haben sich viele Schwarzseher korrigiert. Ich denke, wir werden Ende dieses Jahres, nicht zuletzt wegen der geringen Inflation, etwa 4,5 Prozent Minus messen.

Für 2010 erwartet das Herbstgutachten einen Rückgang des privaten Konsums um 0,2 Prozent und eine Steigerung der staatlichen Konsumausgaben von 1,5 Prozent. Investitionen in Anlagen und Bauten, die 2009 noch um etwa 9 Prozent verloren haben, sollen 2010 wieder um 1,2 Prozent steigen. Der Export, mit einem Minus von 14 Prozent in 2009, soll nächstes Jahr wieder um über 6 Prozent wachsen. Die Zahl der Arbeitslosen soll um 600.000 auf 4,1 Millionen steigen. Das jüngste Ifo-Gutachten stützt diese optimistische Version, sodass wir ein Wachstum von 1,2 Prozent erwarten dürfen.

Ich halte diese Annahmen nicht für falsch, aber für deutlich zu pessimistisch. Der Export wird stärker steigen. Die Krise nimmt keinen L-Verlauf (lange Stagnation) und wird auch keinem W-Modell (kleiner Aufschwung - Absturz - Aufschwung) folgen. Ich bin überzeugt, dass wir 2010 weltweit einen Jo-Jo-Effekt erleben werden, also einen deutlichen Sprung nach oben. Für Deutschland werden wir in einem Jahr eher 2 als 1,2 Prozent Wachstum konstatieren.

Für den DAX habe ich für dieses Jahr prophezeit, dass er am tiefsten Punkt die 3.000 kratzen würde und im Herbst bei 6.000 stehen wird. Das war so schlecht nicht. Für 2010 erwarte ich, dass er die Marke von 7.500 überspringen wird - vermutlich nicht gerade zum 31. Dezember.

Diese Prognose ist natürlich eine Wenn-dann-Prognose: Sie hängt davon ab, wie schell es gelingt, die Krise an den Finanzmärkten zu beenden, den Absturz der Konjunkturen zu bremsen und vor allem das Vertrauen in unsere Wirtschaftsordnung, auch in deren soziale Gerechtigkeit, wiederherzustellen.

Mein Frage war: „Aufwärts im Kriechgang oder mit Vollgas voraus?“ Die Antwort lautet: „Vorwärts mit neuen Hybridfahrzeugen: Weniger Treibstoffverbrauch, weniger Emissionen und mit moderater Geschwindigkeit.“