Kapitalbeschaffung in der Krise, in: bdp aktuell 54 | Juli + August 2009
„Gute Berater wissen, wie das geht!“
Dr. Michael Bormann über Kapitalbeschaffung in der Krise und wie bdp KfW-Sonderprogramm und Landesbürgschaften einbindet
Die Kreditklemme ist da und tut dem Mittelstand empfindlich weh. Dabei ist eigentlich genug Geld vorhanden. Aber die Unternehmen benötigen einen erfahrenen Lotsen, der sie an das Geld heranführt. Wir sprechen deshalb mit Dr. Michael Bormann über Kapitalbeschaffung in der Krise, den Nutzen eines guten Liquiditätsmanagements und wie bdp das KfW-Sonderprogramm und Landesbürgschaften einbindet. Wir stellen ferner zwei bdp-Finanzierungsprojekte vor.
____In Zeiten der Finanzmarktkrise haben es mittelständische Unternehmer besonders schwer, ihre Liquidität zu sichern oder gar frisches Kapital, etwa für Innovationen oder Wachstum, zu akquirieren. Welche Wege führen aus der Kreditklemme?
Dr. Michael Bormann
ist Steuerberater und seit 1992 Gründungspartner der Sozietät bdp Bormann Demant & Partner.
Dr. Michael Bormann: Unternehmen sollten das Thema Liquiditätsmanagement an die erste Stelle ihrer strategischen Überlegungen stellen. Dabei sollten sie vor allem auch alternative Mittelstandsfinanzierungen im Blick haben, denn der klassische Kontokorrentkredit als einzige Finanzierungsquelle in mittelständischen Unternehmen hat ausgedient. Heute geht es darum, Finanzierungsformen zu finden, die zum einen die nötige Liquidität sichern, zum anderen aber auch einen ausgewogenen Mix aus Eigen- und Fremdkapital darstellen und damit den Banken signalisieren, dass eben auch unternehmenseigene Maßnahmen zur Freisetzung von Liquidität aktiv ausgenutzt werden. Lassen Sie mich das an Beispielen erläutern. Das Factoring - der Verkauf von Forderungen - erlebt derzeit eine Renaissance. Offene Forderungen werden an ein Factoringinstitut verkauft, man erhält sofort ca. 85 % der Forderungssumme und braucht sich nicht mit Zahlungsausfällen herumzuärgern. Das schafft finanziellen Spielraum. Zudem gibt es gerade in der aktuellen Situation auf staatlicher Seite die Möglichkeit, eine Landesbürgschaft zu erhalten, die Bürgschaftsbank mit ins Boot zu nehmen oder auch das Konjunkturpaket der Bundesregierung zu nutzen.
____Gerade im Konjunkturpaket sehen aber viele Mittelständler nur eine Unterstützung der Automobilbranche oder der Großunternehmen.
Zunächst erst einmal gilt: Das Konjunkturpaket der Bundesregierung ist nicht nur für den Automobilsektor bestimmt. Jeder Mittelständler kann davon profitieren. Wir haben kürzlich den führenden ostdeutschen Hersteller von Babynahrung, Kinella, aus dem vogtländischen Ellefeld aus einem Liquiditätsengpass von 0,7 Mio. Euro geholfen (bdp aktuell 50). Weil Kinella immer gezwungen war, ein Jahr im voraus die Rohstoffe zu bestellen, geriet der Babysafthersteller in die Turbulenzen am Rohstoffmarkt. Das bedeutete, plötzlich kosteten Zitronen das Zehnfache und Äpfel das Doppelte. Das beruhigt sich zwar auf längere Sicht wieder, dennoch war dies in der aktuellen globalen Wirtschaftskrise das falsche Signal. Mit Hilfe einer konsequenten Sanierungsstrategie und der Bürgschaftsbank Sachsen konnte Kinella sehr schnell in nur zwei Monaten die nötige Liquidität zur Verfügung gestellt werden.
____Sind Liquiditätsprobleme und harte Sanierungen zumeist auch mit Entlassungen gleichzusetzen?
Nicht zwangsläufig. Manchmal geht es ohne Entlassungen der Stammbelegschaft ab und nur die bestehenden Zeitverträge werden permanent geprüft. Oder es wird die aktuell verbesserte Möglichkeit der Kurzarbeit in Anspruch genommen. Im Prinzip geht es darum, durch die Lösung der Liquiditätsprobleme den Kopf des Unternehmers frei zu bekommen, damit dieser seine Firma weiter nach vorn bringen kann. Immer müssen wir dabei die Strategie auf den Prüfstand stellen – und manchmal hierbei Änderungen und Adjustierungen vornehmen. Bei Kinella geht es dabei vordergründig um eine höhere Auslastung und die Entwicklung von neuen Babysaftprodukten. So gesehen, ist das Konjunkturpaket der Bundesregierung auch ein Motor für notwendige Restrukturierungsmaßnahmen. Zur Not helfen wir dem Unternehmer aber auch, indem wir Interimsmanager ins Unternehmen schicken.
____Wird damit nicht der Unternehmer entmachtet?
Keineswegs. Interimsmanager decken Felder ab, etwa bei eine Restrukturierung, aber auch bei einer Vakanz, wo immenses Fachwissen und Erfahrung gefragt ist und zusätzliche Manpower benötigt wird. Bei der Münchner Cirrus Airlines Luftfahrtgesellschaft mbH, einen Unternehmen mit 30 Flugzeugen und 600 Mitarbeitern, hat unser Interimsmanager kurzzeitig den Leiter Finanz- und Rechnungswesen ersetzt (bdp aktuell 53). Nach erfolgreicher Restrukturierung widmet sich der Interimsmanager dann wieder neuen Aufgaben.
____Auch wer in diesen Zeiten als Unternehmer nicht in Schwierigkeiten steckt und sein Wachstum finanzieren will, hat es doch ungleich schwerer als noch vor Jahren, an frisches Kapital zu kommen?
Eindeutig ja. Zwar ist eigentlich immer noch genug Geld da, man benötigt aber in der Finanzkrise einen erfahrenen Lotsen, der die mittelständischen Unternehmen an das Geld heranführt. Gerade die ländereigenen Förderbanken, die regionalen Sparkassen und auch die Kreditanstalt für Wiederaufbau KfW sind bestrebt, die Mittel aus dem Konjunkturpaket schnell an den Mittelstand weiterzureichen. Wir selbst haben in den letzten Monaten viele Bankenrunden erfolgreich moderiert, wo am Ende genügend frisches Kapital stand, um das Unternehmen zu sanieren oder auf Wachstumskurs zu führen.
____Wie funktioniert die Unternehmensfinanzierung mit dem KfW-Sonderprogramm?
Die Bundesregierung hat über 40 Milliarden Euro als Liquiditätshilfe für deutsche Unternehmen zur Verfügung gestellt, die zu einem erheblichen Teil über die KfW Mittelstandsbank als so genanntes „KfW-Sonderprogramm“ ausgereicht werden (bdp aktuell 49). Wie bei der KfW üblich erfolgt die Beantragung und Ausreichung jeweils über die entsprechende Hausbank.
Ein sachverständiger unabhängiger Dritter muss für das kreditbeantragende Unternehmen eine positive Fortführungsprognose abgeben, und es müssen die üblichen Unterlagen für eine Kreditbeantragung, insbesondere eine detaillierte Ergebnis-, Liquiditäts- und Bilanzpostenplanung, eingereicht werden.
____Können alle Unternehmen in finanziellen Schwierigkeiten das KfW-Sonderprogramm in Anspruch nehmen?
Nein! Wichtig ist, dass bei dem Unternehmen entweder keine wirtschaftlichen Schwierigkeiten vorliegen oder aber diese nachweislich erst nach dem 30. Juni 2008 begonnen haben und somit eindeutig der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise zuzurechnen sind. In diesem Fall kann auch das KfW-Sonderprogramm beantragt werden.
____Das Sonderprogramm gibt es ja in zwei Varianten.
Genau. Das eine ist die Betriebsmittelvariante, die maximal ein Drittel der Bilanzsumme betragen darf und eine 60%ige Haftungsfreistellung für die Hausbank beinhaltet. Die andere heißt Investitionsvariante mit maximal 15-jähriger Laufzeit und 90%iger Haftungsfreistellung für die Hausbank.
Die jeweilige Haftungsfreistellung setzt ein, wenn das Unternehmen nach Kreditausreichung mindestens vier Monate wirtschaftlich überlebt hat. Erstmals können mit KfW-Kreditmitteln auch fällige oder gekündigte Linien der Banken zurückgeführt werden, kann also eine gewisse Umschuldung vorgenommen werden.
Das KfW-Sonderprogramm ist damit in der aktuellen Situation eines der wirksamsten Instrumentarien zur Stabilisierung der deutschen Wirtschaft. Allerdings ist die Beantragung und Begleitung des Vorhabens nicht ganz einfach. Gute Berater wissen aber, wie das geht. Durch den hohen Antragsanfall bei der KfW ist es sehr nützlich, wenn man diese gut kennt. Zuletzt haben wir das bei der Neue ZWL Zahnradwerk Leipzig GmbH bewiesen.
____Welche Möglichkeiten bieten Landesbürgschaften und für welche Unternehmen kommen sie infrage?
Eine Alternative zum KfW-Sonderprogramm ist die Beantragung von Kreditmitteln bei den Geschäftsbanken unter gleichzeitiger Einwerbung einer Landesbürgschaft. Eine Landesbürgschaft greift in der Regel bei Beträgen, die über den Bewilligungsgrenzen der lokalen Bürgschaftsbanken liegen oder aber, wenn das beantragende Unternehmen kein KMU mehr ist.
Genau wie beim KfW-Sonderprogramm muss eine positive Fortführungsprognose vorliegen sowie der Nachweis geführt werden, dass das Unternehmen nicht in Schwierigkeiten ist, oder aber die Situation erst durch die globale Wirtschafts- und Finanzkrise schwierig geworden ist und somit die Verschlechterungen in den Kennzahlen und in den Bilanzen erst nach dem 30. Juni 2008 begonnen haben.
Nach einer empfohlenen Sondierung mit den jeweiligen Landesministerien (zuständig sind das Finanz- und Wirtschaftsministerium) und der jeweils prüfenden Abteilung von PwC, die im Rahmen eines Dienstleistungsauftrages für die Bundesländer das Verfahren managen, muss der Antrag vorbereitet und erstellt werden.
Hierzu bedarf es einer engen Abstimmung mit der oder den Banken. Sind in einer Bankenrunde mehrere Finanzpartner vertreten, so kann es notwendig sein, dass jeweils Einzelbürgschaften beantragt und ausgestellt werden, weil die Banken heutzutage ungern das Risiko für andere Banken mittragen. Ein gelungenes Beispiel, wie auf dieser Klaviatur professionell gespielt werden kann, ist die erfolgreiche Begleitung der Alu-Druckguss aus Brieselang.
____Herr Dr. Bormann, wir danken Ihnen für das Gespräch.