Unternehmensfinanzierung: bdp aktuell 48 | Januar 2009
Finanzierung mit Factoring & Co.
Teil 1 eines Interviews mit Dr. Michael Bormann über Voraussetzungen und den idealen Mix bei Unternehmensfinanzierungen
____Herr Dr. Bormann, wie beurteilen Sie die Ausgangslage für den Mittelstand zum Jahreswechsel 2008/2009?
Die Ausgangslage hat sich zum Jahreswechsel 2008/2009 radikal verschlechtert. Die Finanzkrise hat auf die Realwirtschaft übergegriffen. Wir merken das ganz deutlich an der steigenden Zahl von Auftragseingängen im Bereich Restrukturierung und Sanierung. Die Kreditklemme ist deutlich zu spüren, und dies trifft den deutschen Mittelstand in einer immer noch nicht komfortablen Situation bei der Eigenkapitalausstattung. Die ist zwar seit Basel II besser geworden. Laut einer Untersuchung der KfW gab es in den letzten drei Jahren immerhin einen Anstieg von etwa 10 auf um die 15 Prozent. Aber die Anforderungen an die Finanzierungsfähigkeit sind deutlich gestiegen und der Mittelstand muss sich diesen Anforderungen beugen und sie erfüllen.
Dr. Michael Bormann
ist Steuerberater und seit 1992 Gründungspartner der Sozietät bdp Bormann Demant & Partner.
____Was bedeutet das konkret?
Es kommt mehr denn je auf den richtigen Mix in der Finanzierung an. War die Eigenkapitalquote im deutschen Mittelstand früher sehr gering, so muss diese heute größer werden. Welches Investitionsprojekt wir auch immer vorhaben, wir müssen es mit mehr Eigenkapital unterlegen. Unternehmers Lieblingskredit, der Kontokorrentkredit, hat seit Basel II viel von seiner Attraktivität verloren. Für das Rating ist er nicht gut, und er sollte nicht verwendet werden für langfristige Finanzierungen, die mit Kontokorrent nichts zu tun haben. Er spielt nach wie vor seine Rolle beim Abfedern von Spitzenauslastungen aber nicht für die Anschaffung von Maschinen etc. Dafür müssen eigene und besser geeignete Mittel gefunden werden, seien es Hybridfinanzierungen, Mezzaninefinanzierungen oder andere Arten von Fremdkapital. Generell geht es darum, die klassischen Bankprodukte durch neue alternative Finanzierungsmethoden zu ergänzen. Ich sage bewusst ergänzen und nicht ersetzen!
____Wie könnten solche alternativen Methoden aussehen?
Es gibt zunächst ganz klassische Ansätze. Die sind noch sehr bankkreditnah, also Factoring, Projektsonderkonten, Leasing, Objektfinanzierungen oder die Einbindung von Bürgschaftsbanken. Eine Lanze möchte ich für das Factoring brechen. Wer Forderungen verkauft und mit dem sehr viel schneller eingehenden Geld Forderungen runterfahren kann, verkürzt seine Bilanz und erhöht damit die Eigenkapitalquote. Projektsonderkonten bieten eine gute Möglichkeit, gewisse Geschäfte mit einem Spezialkredit zu finanzieren. Leasing und Objektfinanzierungen sind gut geeignet für Einzelinvestitionsgüter, und die Einbindung von Bürgschaftsbanken macht ein Finanzierungsprojekt zum Teil erst möglich und hat für die Bank den Vorteil, dass der verbürgte Kreditteil nicht mit Eigenkapital unterlegt werden muss.
____Was sind die Vorteile des Factorings und gibt es dazu nicht noch viele Vorurteile?
Der Factor kauft meine Forderungen gegenüber meinen Kunden auf und zahlt mir dafür sofort Cash. Er zahlt nicht alles und behält eine Sicherheitsmarge ein. Wir nehmen dieses Geld sofort, um unsere Lieferantenverbindlichkeiten zu tilgen oder schneller zu bezahlen, als es uns sonst möglich wäre, wenn wir auf den Geldeingang unserer Kunden warten müssen. Wenn der Kunde an den Factor bezahlt hat, bekommen wir von dem den Rest.
Das ist der klassische Fall, und viele Unternehmer sagen immer noch, wenn ich mit Factoring anfange, kann ich mir gleich ein Schild umhängen mit der Aufschrift: „Ich bin bald pleite!“ Aber dass Factoring nur in Krisenunternehmen zum Einsatz kommt, ist ein Märchen von gestern. Man kann aber auch das stille Factoring praktizieren, wo der Kunde gar nicht mitbekommt, dass die Forderung verkauft wurde, weil er auf ein ganz normales Firmenkonto einzahlt.
____Können Sie die Vorteile auch in Zahlen ausdrücken?
Ja, das kann ich. Nehmen wir ein Musterunternehmen mit einer Bilanzsumme zum 30.09. von 1.305.000 Euro und 100.000 Euro Eigenkapital, das ist eine Quote von 7,66 %. Die fälligen Forderungen aus Lieferungen und Leistungen (LuL) sollen 500.000 Euro, die Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen 730.000 Euro betragen. Mit einem Kassenbestand von 280.000 Euro könnten 38 % der Verbindlichkeiten sofort bezahlt werden (Abbildung 1).
Wenn dieses Unternehmen nun 400.000 Euro seiner Verbindlichkeiten an einen Factor abtritt und davon sofort 80 % bekommt, also 320.000 Euro, bleibt die Bilanzsumme und damit die Eigenkapitalquote zum 01.10. zunächst gleich, da lediglich ein Aktivtausch, Forderungen gegen Geld, stattgefunden hat. Aber das Unternehmen hat nun mit einem Kassenbestand von 600.000 Euro die Möglichkeit, 82 % seiner Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen sofort zu bezahlen (Abbildung 2).
Und dies macht es auch, denn in der Regel wird im Vertrag mit dem Factor die Verwendung der Mittel aus der gewonnenen Liquidität vereinbart, und typischerweise ist dies der Abbau von Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen. Es konnten aus der Kasse 320.000 Euro und damit rund 44 % der offenen Verbindlichkeiten aus der Liquiditätszufuhr durch das Factoring bezahlt werden, ohne dass die Liquiditätsreserve von 280.000 Euro eingesetzt werden musste. Die Bilanzsumme per 02.10.sinkt durch diese Zahlung auf 985.000 Euro. Damit steigt die Eigenkapitalquote auf 10,15 % und damit um 2,49 Punkte oder 32,5 % (Abbildung 3) Geht dann schließlich zum 31.10. die letzte Zahlung des Factors über die ausstehenden 20 % ein, verringert sich die Bilanzsumme abermals und sinkt auf 905.000 Euro, die Eigenkapitalquote liegt jetzt bei 11,05 % (Abbildung 4).
Dieses Rechenbeispiel zeigt ganz klar: Mein Eigenkapital ist nominell immer gleich geblieben. Aber wenn ich meine Bilanzsumme so deutlich verkürze, dann steigt die Eigenkapitalquote an.
____Ist Factoring nicht auch eine Möglichkeit, Wachstum ohne negative Auswirkungen auf das Rating zu finanzieren?
Ganz genau. Factoring ist bei Wachstumstories eine gute Wahl. Wachstum ist ja positiv besetzt. Aber ratingtechnisch ist es im ersten Schritt negativ: Ich mache mehr Umsatzerlöse. Ich baue dadurch die Position Vorräte und Forderungen gegen Kunden auf. Damit steigt meine Bilanzsumme, und wenn mein Eigenkapital nicht mitwächst, habe ich zwar mehr Geschäft gemacht, aber muss eine Eigenkapitalquotenminderung verbuchen. Für eine Finanzierung von Wachstumsunternehmen ist Factoring ein sehr probates Mittel, weil es den steigenden Forderungsbestand, den ich durch das Wachstum generiere, abschmilzt, weil das Geld ganz schnell hereinkommt und ich dadurch meine ja ebenfalls gestiegenen Lieferantenschulden bezahlen kann. Wir haben das vor Kurzem bei einem Handelsunternehmen, der HDM Handels GmbH in Buchholz, gemacht (vgl. bdp aktuell 44). Das ist ein Restmengenlogistiker, der in sehr großen Mengen Drogerie- und Parfümerierestposten aufkauft und dadurch massiv Bestände und Forderungen aufbaut, was für das Rating fatal ist. Also haben wir dort Factoring empfohlen und mit etwa 1,5 Millionen Euro umsetzen können.
____Was ist eigentlich Reverse-Factoring?
Reverse-Factoring greift in einer Situation, wo ich noch gar keine factoringfähige Forderung gegenüber Kunden habe. Also in einer Situation, in der Importeure oft stecken oder Produzenten, die sehr lange vorher schon Waren einkaufen müssen, z. B. Lebensmittel verarbeitende Betriebe. Die müssen lange vorfinanzieren. Hier könnte ich einen Factor meine Verbindlichkeiten bezahlen lassen und trete ihm dafür die Ware ab. Das geht in vielen Bereichen sehr gut, ist aber immer noch sehr unbekannt.
____Mit Treuhand- bzw. Projektsonderkonten hat bdp ja eine lange Erfahrung.
Ein Projektsonderkonto hilft, Projekte finanzierbar zu machen, die über den normalen Kontokorrentrahmen nicht mehr finanzierbar sind. Wenn ich sagen kann, ich habe einen bestimmten Projektauftrag mit einem bestimmten Volumen, den ich vorfinanzieren muss, und mein Kunde ist vielleicht sogar bereit, Anzahlungen zu leisten, dann wird für dieses Projekt ein gesondertes Konto eingerichtet. Die Bank gibt vielleicht noch einen Projektkredit, der Kunde leistet Anzahlungen und meine Lieferanten liefern ohne Vorkasse oder mit längerem Zahlungsziel, weil alle wissen, dass dieses Konto ausschließlich dazu da ist, die spezifischen Projektaufwendungen zu bezahlen. Und dafür steht ein Dritter, in der Regel ein Wirtschaftsprüfer, ein, der das Konto überwacht. bdp hat das in vielen Fällen erfolgreich eingesetzt, so z. B. bei der SIT Singwitz Industrietechnik GmbH (vgl. bdp aktuell 28), die zuerst vor drei Jahren einen größeren Auftrag über ein solches Projektsonderkonto abgewickelt hat und sich seither im steilen Wachstum befindet, weil sie durch diese Initialzündung in völlig anderen Dimensionen wirtschaften konnte. Der Umsatz hat sich in drei Jahren von 7 auf 15 Millionen Euro mehr als verdoppelt.
____Objektfinanzierungen gehören auch in diese Kategorie.
Bei der Objektfinanzierung wirbt man für bestimmte Maschinen herstellernahe Finanzierungen ein oder macht Leasingverträge. In Berlin und den neuen Bundesländern kommt hier sehr häufig eine GA-Mittel-Förderung in Betracht. Dann wird die Objektfinanzierung als Kredit gestaltet. Da wird mittlerweile unterschieden zwischen Mietkauf und Finanzierungskauf. Der Geldgeber benötigt dann den Finanzierungskauf, damit er den Zugriff auf die Maschine hat und das führt dazu, dass der Fördermittelgeber nur im Rahmen der Ratenzahlungen die GA-Mittel auskehrt. In den alten Bundesländern finanziert man diese Anschaffungen über Leasing.
____Herr Dr. Bormann, vielen Dank bis hierher für dieses Gespräch. Wir werden es ja für die kommende Ausgabe von bdp aktuell fortsetzen, dann zu Finanzierungen durch Beteiligungen, Mezzanine und Unternehmensanleihen.
So rechnet sich Factoring
Ausgangssituation
- Eigenkapitalquote 7,66 % bei Bilanzsumme von 1.305.000 Euro
Abbildung 1: Bilanz per 30.09.
| Aktiva | Passiva | ||
| Anlagevermögen | 225.000 | Eigenkapital | 100.000 |
| sonstige Aktiva | 300.000 | Bankverbindlichkeiten | 325.000 |
| Forderungen aus LuL* | 500.000 | sonstige Passiva | 150.000 |
| Kasse | 280.000 | Verbindlichkeiten aus LuL* | 730.000 |
| Bilanzsumme | 1.305.000 | Bilanzsumme | 1.305.000 |
Factoring: Abtretung der Forderungen über 400.000 Euro
- sofortige Bezahlung der abgetretenen Forderungen durch den Factor in Höhe von 80 %
- Eigenkapitalquote bleibt bei 7,66 % und Bilanzsumme von 1.305.000 Euro
Abbildung 2: Bilanz per 01.10.
| Aktiva | Passiva | ||
| Anlagevermögen | 225.000 | Eigenkapital | 100.000 |
| sonstige Aktiva | 300.000 | Bankverbindlichkeiten | 325.000 |
| Forderungen aus LuL* | 100.000 | sonstige Passiva | 150.000 |
| Forderungen gg. Factor | 80.000 | ||
| Kasse | 600.000 | Verbindlichkeiten aus LuL* | 730.000 |
| Bilanzsumme | 1.305.000 | Bilanzsumme | 1.305.000 |
Unternehmen reduziert Verbindlichkeiten in Höhe von 320.000 Euro
- Unternehmen reduziert vertragsgemäß seine Verbindlichkeiten
- Eigenkapitalquote steigt auf 10,15 %, Bilanzsumme sinkt auf 985.000 Euro
Abbildung 3: Bilanz per 02.10.
| Aktiva | Passiva | ||
| Anlagevermögen | 225.000 | Eigenkapital | 100.000 |
| sonstige Aktiva | 300.000 | Bankverbindlichkeiten | 325.000 |
| Forderungen aus LuL* | 100.000 | sonstige Passiva | 150.000 |
| Forderungen gg. Factor | 80.000 | ||
| Kasse | 280.000 | Verbindlichkeiten aus LuL* | 410.000 |
| Bilanzsumme | 985.000 | Bilanzsumme | 985.000 |
Factor zahlt Restrate, Unternehmen reduziert Verbindlichkeiten über 80.000 Euro
- Restrate des Factors geht ein und wird zum Abbau der Verbindlichkeiten verwendet
- Eigenkapitalquote steigt auf 11,05 %, Bilanzsumme sinkt auf 905.000 Euro
Abbildung 4: Bilanz per 31.10.
| Aktiva | Passiva | ||
| Anlagevermögen | 225.000 | Eigenkapital | 100.000 |
| sonstige Aktiva | 300.000 | Bankverbindlichkeiten | 325.000 |
| Forderungen aus LuL* | 100.000 | sonstige Passiva | 150.000 |
| Kasse | 280.000 | Verbindlichkeiten aus LuL* | 330.000 |
| Bilanzsumme | 905.000 | Bilanzsumme | 905.000 |
* Lieferungen und Leistungen