Finanzkrise und Rezessionsgefahr | bdp aktuell 46 | November 2008
Drunter und drüber
Nun wird die Realwirtschaft durcheinandergewirbelt: Prof. Dr. Heik Afheldt und Dr. Michael Bormann zu den Folgen der Finanzkrise
Warum wir wahrscheinlich besser aufgestellt sind als 1929 und wie der Mittelstand dem Sturm begegnen kann, der nach der Finanzwelt nun die Realwirtschaft durcheinanderwirbeln wird, ist Titelthema dieser Ausgabe von bdp aktuell.
____Prof. Dr. Afheldt, wir erleben weltweit die seit Jahrzehnten schwärzesten Zeiten an den Börsen und auf den Finanzmärkten. Sind wir wenigstens besser aufgestellt als 1929?
HA: Ja, das sind wir aus zwei Gründen. Wie die letzten Tage gezeigt haben, überwiegt international die Einsicht bei den Politikern, den Notenbankern und den verantwortlichen Leuten an der Spitze der Finanzinstitutionen wie der Weltbank oder dem Währungsfonds, dass eine spürbare und abgestimmte Stützung des gefährdeten Finanzsystems notwendig ist. Es ist dabei ein Segen, dass Kerneuropa als ein geeinter Währungsraum mit einer Stimme sprechen kann. Außerdem haben wir offensichtlich aus der Weltwirtschaftskrise die Lektion gelernt, wie kontraproduktiv und schädlich in einer Krise, wie wir sie auch heute wieder haben, eine kurzatmige Sparpolitik wirken muss. Mit ihr würde die Abwärtsspirale der Realwirtschaften nur unheilvoll beschleunigt werden.
____Wie könnte sich die Krise auf die Weltwirtschaft und auf die Exporte, den Konsum, die Staatsverschuldung etc. auswirken? Kriegen wir bei der Komplexität das Problem weltweit noch in den Griff? Oder zugespitzt gefragt: Ist eine Weltwirtschaftskrise überhaupt noch vermeidbar?
HA: Die Richtung der Krisenfolgen ist völlig klar: negativ, dämpfend und abwärts! Das gilt für die Wachstumserwartungen der gesamten Weltwirtschaft ebenso wie für die deutsche Wirtschaft. Kräftig wachsen wird allein die Staatsverschuldung. Der Zeitpunkt des angestrebten Haushaltsausgleichs rückt in weite Ferne.
Prof. Dr. Heik Afheldt
war Herausgeber von Wirtschaftswoche, Handelsblatt und Tagesspiegel sowie Chef der PROGNOS AG.
Völlig unklar ist die Frage, welches Ausmaß die Wirkungen auf die Stellen vor oder hinter dem Komma bei den wichtigsten Indikatoren unserer Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung haben werden. Die neu gehandelten 0,2 Prozent BIP-Wachstum für 2009 sind nur ein sehr grober Daumen im Wind. Zum einen müssten wir in der Lage sein, das normale Auf und Ab der Konjunktur von den aktuellen Krisenwirkungen zu isolieren. Schwächezeichen der Konjunktur gab es bereits in den ersten Quartalen dieses Jahres. Vor allem aber kann heute keiner seriös sagen, ob, wann und wie kräftig die nun auf den Weg gebrachten milliardenschweren Stabilisierungs- und Hilfspakete wirken und den weltweiten Rezessionssog stoppen. Bisher dominieren noch die Negativmeldungen bei allen Wasserstandsmeldern wie beim Auftragseingang, der Produktion, dem Konsum und der Markt-Kapitalisierung der großen börsennotierten Unternehmen. Und das nicht nur in Deutschland und Europa, sondern weit bedrohlicher auch in den USA.
Dennoch kann eine tiefe Weltwirtschaftskrise wie in den Dreißiger Jahren mit ihren katastrophalen Folgen verhindert werden. Das sehen auch die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute so.
____Dr. Bormann, welche Auswirkungen der internationalen Finanzkrise haben Sie auf die Finanzierungen im deutschen Mittelstand festgestellt?
Dr. Michael Bormann
ist Steuerberater und seit 1992 Gründungspartner der Sozietät bdp Bormann Demant & Partner.
MB: Naturgemäß bleibt eine solche Krise nicht ohne Auswirkungen für die Unternehmensfinanzierung. Wir müssen feststellen, dass Entscheidungen der Banken, bedauerlicherweise auch der KfW, erheblich länger dauern als noch vor dem akuten Ausbruch im Oktober 2008. Die Unternehmen bedürfen daher einer noch sehr viel intensiveren Begleitung bei Kreditanträgen oder Verhandlungen über Tilgungsstundungen, fresh money oder gar über Teilverzichte.
Außerdem geht diese deutliche Zurückhaltung der Kreditinstitute bedauerlicherweise einher mit einer scharfen Bremsspur der drei großen Warenkreditversicherer. So müssen wir auf breiter Front quer durch viele Branchen feststellen, dass insbesondere Euler Hermes Limite zusammenstreicht, was naturgemäß bei den betroffenen Unternehmen einen ganz erheblichen Mehrbedarf an fresh money erfordert, da viele Lieferanten dann nur auf Vorkasse oder mit verkürzten Zielen liefern. Hier sind viele Teams von uns pausenlos im Einsatz, um mit den betroffenen Unternehmen, den Banken und den Warenkreditversicherern Lösungen zu finden.
____Prof. Dr. Afheldt, selbst die Schweizer Banken haben Probleme und vielleicht noch größere Unsicherheiten als unsre. Das deutsche Einlagensicherungsinstrumentarium soll da ja wesentlich besser sein. War der Schritt der Verstaatlichung der UBS ausreichend, um Vertrauen zu schaffen? Es wäre ja nicht auszudenken, wenn es zu einem Run der Anleger auf einzelne Banken käme!
HA: Die Schweizer Großbanken sind so international aufgestellt, dass sie sich von den Entwicklungen der globalen Finanzmärkte gar nicht abkoppeln können. Sie haben schon sehr frühzeitig zum Jahresanfang 2008 riesige Wertberichtigungen gemeldet und vorgenommen und – wie im Fall der UBS – neues Eigenkapital von ihren Altaktionären und Staatsfonds aus Asien und den Vereinigten Emiraten eingeworben. Dennoch hat das Missverhältnis zwischen den übergroßen Risiken bei der größten Vermögensverwalterin weltweit und der notfalls als Garantiegeberin fungierenden kleinen Schweiz zu einem Abfluss an Kundengeldern von weit mehr als 100 Milliarden Schweizerfranken geführt.
Nun ist die UBS nicht verstaatlicht, sondern mit einem gemeinsamen Paket der Schweizer Regierung und der Nationalbank refinanziert und gestützt worden. Für 6 Mrd. CHF übernimmt die Eidgenossenschaft über eine Pflichtwandelanleihe (Zins 12,5 %) rund 9 % der UBS. Vergiftete Kredite in Höhe von 60 Mrd. USD wurden von einer Zweckgesellschaft auf den Cayman Inseln übernommen, die mit 6 Mrd. USD von der UBS ausgestattet ist und der die schweizerische Nationalbank ein Darlehen von 54 Mrd. USD gibt. Das Parlament will zudem die Einlagensicherung von heute dreißigtausend Franken „angemessen“ erhöhen. Ob das Paket reicht, um das angekratzte Vertrauen in die UBS wieder herzustellen? Es bleibt zu hoffen.
____Dr. Bormann, die Zurückhaltung der Banken und der Warenkreditversicherer hat zu einer Verschlechterung der Unternehmensliquiditäten geführt. Das muss sich doch auch auf die Ertragskraft der Unternehmen auswirken?
MB: Ganz eindeutig! Wir haben hier deutliche Rückgänge der Ertragskraft vieler Unternehmen zu konstatieren. Dies geht bedauerlicherweise einher mit auf breiter Front sinkenden Auftragseingängen, insbesondere im Automotive-Bereich, im Konsumbereich und in vielen anderen Branchen. Gefragt sind also Konzepte, wie mittelständische Unternehmen ihr Schiff seefest machen können. Bei vielen mittelständischen Unternehmen ist der Sturm aber schon ausgebrochen: So haben wir derzeit draußen in den Unternehmen weit über 40 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Projektteams quer in der ganzen Republik verstreut, um zu restrukturieren und auch, um fresh money zu besorgen.
____Sind Sie denn bundesweit unterwegs?
MB: Ja, selbstverständlich. bdp ist mittlerweile eine der größeren im Projektgeschäft tätigen Kanzleien und seit vielen Jahren bundesweit tätig. Neben den klassischen Gebieten der Wirtschaftsprüfung, Rechts- und Steuerberatung auch in der Restrukturierung, der Unternehmensfinanzierung und im Bereich M&A. Viele Sanierungen lassen sich heutzutage nur noch über einen Verkauf von Unternehmen oder von Unternehmensteilen realisieren.
____Und wie kann die Finanzierungsbeschaffung für mittelständische Unternehmen in Zukunft aussehen?
MB: Es werden sehr viele vertrauensbildende Maßnahmen erforderlich werden, um Finanziers zu neuen Unternehmensfinanzierungen zu bewegen. Durch die Finanzkrise ist zurzeit jeder vorsichtig geworden, obwohl die mittelständische Wirtschaft dieses Desaster überhaupt nicht verursacht hat. Im Gegenteil: Wäre so manche Bank tatsächlich als Mittelstandsbank tätig geblieben, wäre uns viel erspart geblieben. Nahezu jede Unternehmensfinanzierung wird heute durch alternative Finanzierungen angereichert, sei es Beteiligungskapital, das im Spezialbereich immer noch vorhandene Mezzaninekapital oder die bdp-Unternehmensanleihen (Minibonds).
____Prof. Dr. Afheldt, die Bundesregierung hat im Rahmen der konzertierten internationalen Notaktion ein großes Paket geschnürt. Sind die Maßnahmen hilfreich, ausreichend und rechtzeitig? Müssen wir nicht jetzt neben dem Finanzsektor auch aktiv die Realwirtschaft stützen, mit weiteren Maßnahmen wie vorgezogene Steuersenkungen und Investitionen oder gar die Ausgabe von Barschecks wie in den USA?
HA: Der große Beifall, den die Aktionen der Großen Koalition, allen voran von Angela Merkel und Peer Steinbrück, gefunden haben, macht Mut. Die positive Stimmung ist die halbe Miete – aber eben auch nur die halbe. Die große Verantwortung, die Politik jetzt in der ihr eher fremden Finanzwirtschaft übernimmt, bereitet auch Sorgen.
Woher sollen die kenntnisreichen Personen kommen, die nun eine wirkungsvolle Aufsicht über die Banken garantieren und für vernünftige Entscheidungen sorgen sollen? Hat die gegenwärtige Krise nicht eine Ursache gerade in der unheilvollen Politik der Clinton-Regierung Ende 1999, der Vorgabe an Fannie Mae nämlich, Hypotheken auch an Menschen zu vergeben, die nach üblichen Kriterien nicht kreditwürdig gewesen wären?
Das billige Geld durch die niedrigen Zinssätze war eine zusätzliche Verlockung. Und sind in Deutschland nicht die KfW mit ihrer Tochter IKB und die politisch geführten Landesbanken die ersten Opfer eines verantwortungslosen Handelns gewesen? Dennoch, die jetzt geschnürten Pakete und die damit verbundenen Auflagen sind richtig und alternativlos. Eine Verstetigung der öffentlichen Ausgaben für nachhaltige Investitionen in Verkehrsinfrastruktur, Energieeinsparung oder Bildung und gewisse vorgezogene Steuererleichterungen können helfen, den drohenden Abstieg zu mildern. Kommt es dazu, dann hätten wir aus der Geschichte 1929 und Folgejahre doch etwas gelernt.
____Prof. Dr. Afheldt und Dr. Bormann, wir bedanken uns für dieses Gespräch.