Bilanzrecht | bdp aktuell 41 | Mai 2008

Geregelte Schleudergefahr

Das marktnahe Fair-Value-Prinzip der IFRS-Regeln steht in der Kritik, weil es zu große Ausschläge der Bilanzen verursacht

Die internationale Bankenkrise hat die strengen IFRS-Bilanzierungsregeln in die Kritik gebracht. Die sehr marktnahen International Reporting Standards (IFRS) sind seit Ende 2005 auch in der EU Pflicht bei kapitalmarktorientierten Abschlüssen. Zentraler Grundsatz der Rechnungslegung ist bei den IFRS das Fair-Value-Prinzip. Der Fair Value ist ein hypothetischer Marktpreis unter idealisierten Bedingungen und definiert als derjenige Betrag, zu dem ein Vermögenswert zwischen sachverständigen, vertragswilligen und voneinander unabhängigen Geschäftspartnern getauscht oder eine Verpflichtung beglichen werden kann.

Die Bilanzierung von Forderungen und Verbindlichkeiten nach diesem Prinzip bedeutet, börsentäglich den Marktpreis für eine Position zu ermitteln, um darauf basierend Gewinn und Verlust zu bestimmen und nötigenfalls Sicherheiten anzupassen. In guten Zeiten führt dies dazu, dass die Buchwerte der Portfolios mit den Kurszuwächsen steigen und die Gewinne hochtreiben. In der Vertrauenskrise gibt es aber keinen Fair Value und damit auch keinen Marktpreis mehr.

Silke Woschnik

Silke Woschnik
ist Wirtschaftsprüferin und Steuerberaterin bei bdp Berlin sowie Prokuristin der bdp Revision und Treuhand GmbH.

Fortlaufende Abschreibungen auf Wertpapiere mit sinkenden Kursen belasten die Erfolgsrechnung selbst dann, wenn gar keine echten Verluste eingetreten sind. Wiederholte Wertberichtigungen provozieren Zwangsverkäufe, führen zu einem höheren Kapitalbedarf und können in der Konsequenz die Kreditvergabe durch die Banken einschränken.

Bilanzierungsexperten der European Financial Advisory Group (EFRAG), die die EU-Kommission bei der Festlegung von Rechnungslegungsstandards berät, haben nun konkrete Änderungsvorschläge unterbreitet: Sie fordern, dass für die Bewertung nicht mehr der Marktpreis zu einem bestimmten Bilanzierungsstichtag, bspw. das Quartalsende, herangezogen werden soll. Vielmehr soll ein Durchschnittspreis über sechs oder zwölf Monate gebildet werden. Damit soll die Bewertung geglättet und die Abwärtsspirale gestoppt werden.

Dafür spreche, dass die aktuellen Marktpreise durch die Bankenkrise den fairen Wert der Papiere gar nicht widerspiegeln könnten, weil das Ausfallrisiko praktisch sehr viel geringer sei, als dies durch bestimmte Indexniveaus impliziert werde. Der vorgeschlagene Durchschnittswert trage dem dadurch Rechnung, dass er kurzfristige Preiseinbrüche verwässere.

Obwohl sich die Stimmen mehren, die eine zeitweilige Aussetzung oder Änderung der IFRS-Regeln fordern, so unter anderem auch der Bundesverband der deutschen Banken, so wird es doch schwierig sein, dies zu realisieren. Zuständig dafür ist zunächst das International Accounting Standard Board (IASB), das die Regeln entwickelt hat. Aber ob es zu Änderungen kommt, entscheidet letztlich die Politik.