Titelthema Abgeltungsteuer | bdp aktuell 29 | April 2007
Ein Viertel holt sich das Finanzamt
Auf die kommende Abgeltungsteuer kann und sollte man sich gut vorbereiten. Wir beschreiben die Optionen
Im Rahmen des Unternehmensteuerreformgesetzes 2008 hat die Bundesregierung auch die Einführung einer so genannten Abgeltungsteuer beschlossen. Wir sprachen mit den bdp-Partnern Klaus Finnern und Christian Schütze über die Auswirkungen auf verschiedene Anlagearten und die Handlungsoptionen. Lesen Sie auch ein Interview mit unseren beiden Steuerexperten zur Unternehmensteuerreform.
____Herr Schütze, mit der Verabschiedung des Entwurfs des Unternehmenssteuerreformgesetzes 2008 durch die Bundesregierung am 14. März 2007 ist nun auch die Einführung der so genannten Abgeltungsteuer für Kapitaleinkünfte auf den Weg gebracht. Was kommt da auf uns zu und kommt es überhaupt auf uns zu? Solche Pläne sind ja schon älter.
Christian Schütze: Ja, das kommt auf uns zu. Darauf haben sich alle Beteiligten in der Großen Koalition und der Bund-Länderkommission eindeutig festgelegt. Ab 01. Januar 2009 werden alle Kapitaleinkünfte pauschal mit 25 Prozent versteuert. Vielleicht lässt sich der Steuersatz selbst im Zuge des Gesetzgebungsverfahrens noch etwas verbessern. Aber da sollte man keine großen Hoffnungen haben. Prinzipiell ist die Abgeltungsteuer ja zu begrüßen, denn sie vereinfacht das Steuerverfahren.
____Wie läuft die Besteuerung dann ab?
Christian Schütze
ist Steuerberater und seit 2007 Partner bei bdp Berlin.
CS: Die Banken werden für alle Einkünfte aus Zinsen, Dividenden und Kursgewinnen abzüglich des Sparer-Freibetrags von 801 Euro direkt 25 Prozent Abgeltungsteuer plus Solidaritätszuschlag an den Fiskus abführen. Das geschieht dann pauschal und anonym, sodass komplizierte Ertrags- und Vermögensaufstellungen auch von pingeligen Beamten nicht mehr verlangt werden können. Die Spekulationsfrist für Aktien entfällt allerdings nicht bei Immobilien. Wegfallen, und das hat massive Auswirkungen, wird auch das Halbeinkünfteverfahren, sodass Aktiengewinne und –ausschüttungen künftig ganz und nicht mehr nur hälftig der Steuer unterliegen.
____Herr Finnern kann man generell sagen, wer davon profitiert und wer draufzahlt?
Klaus Finnern: Generell profitieren Sie, wenn Ihr persönlicher Einkommensteuersatz über 25 Prozent liegt bei den Kapitaleinkünften, für die Sie bislang damit voll belastet wurden. Bei Kapitaleinkünften, die bislang steuerfrei waren wie Aktiengewinne, zahlen Sie ein Viertel drauf. Da sind dann Umschichtungen im Depot fällig.
____Was passiert, wenn ich weniger als 25 Prozent Einkommensteuer zahlen muss?
KF: Wenn Ihr persönlicher Steuersatz unter 25 Prozent liegt, können Sie die zuviel bezahlten Steuern mit der Steuererklärung zurückbekommen.
____Ab wann gilt die Neuregelung?
Klaus Finnern
ist Steuerberater und seit 2001 Partner bei bdp Hamburg.
KF: Die Abgeltungsteuer wird für alle Papiere verlangt, die ab dem 01. Januar 2009 erworben werden. Es sind also noch fast zwei Jahre Zeit, die Anlagestrategien entsprechend umzustellen.
____Wir wollen uns die einzelnen Anlageformen genauer anschauen. Wie sieht es mit des Deutschen liebsten Kind, der Lebensversicherung aus?
CS: Die Perspektiven für Kapitalversicherungen sind relativ positiv. Sie müssen zwar auf die Erträge Ihren persönlichen Steuersatz und nicht die Abgeltungsteuer abführen. Aber für Verträge, die seit 2005 abgeschlossen wurden, ist weiterhin nur die Hälfte des Kapitalertrags steuerpflichtig, wenn die Mindestlaufzeit zwölf Jahre beträgt und die Auszahlung erst nach dem 60. Lebensjahr erfolgt.
____Ganz gut sieht es auch für die Zinseinkünfte aus.
CS: Ja, wo bisher im Extremfall bis zu 45 Prozent Steuern fällig waren, ist eine Absenkung auf 25 Prozent attraktiv. Ihre Attraktivität verlieren dagegen niedrig verzinsliche Anleihen, die an der Börse weit unter ihrem Nominalwert zu erwerben sind. Der Grund ist, dass zukünftig ja Einkünfte aus Zinsen und Kursgewinnen gleich besteuert werden.
____Und das führt uns zu den großen Verlierern: Wenn die Steuerfreiheit von Kursgewinnen und das Halbeinkünfteverfahren bei Dividenden wegfällt, dann werden Aktienkäufe doch unattraktiv, oder?
KF: Na ja, das hängt immer auch noch von den Aktienkursen ab. Aber im Prinzip haben Sie Recht. Problematisch wird es vor allem für langfristige Anleger. Da reduziert sich das so erwirtschaftete Vermögen um ein Viertel. Da sollte man sich seinen Altersvorsorgeplan ganz genau anschauen. Profitieren kann man aber durch schnelles Agieren vom Wegfall der Spekulationsfrist, wenn nur noch die Pauschale und nicht der persönliche Steuersatz fällig wird. Dividendeneinnahmen sind genauestens zu betrachten: Heute zahlen Sie nur auf die Hälfte der Einnahmen Ihren persönlichen Steuersatz. Selbst wenn Sie mit der Reichensteuer belastet werden, sind das jetzt maximal 22,5 Prozent, zukünftig in jedem Fall 25. Da die Kapitalgesellschaften durch die Unternehmensteuerreform insgesamt nur noch etwa 30 statt 40 Prozent Steuern zahlen sollen, könnten die Dividenden steigen. Ob das allerdings so kommen wird, bleibt abzuwarten.
____Das gilt dann auch für Aktienfonds?
CS: Ja, natürlich. Wenn Fonds ihren Anlageschwerpunkt auf Aktien haben, dann werden Ausschüttungen und Gewinne mit 25 Prozent belastet. Das schlägt wiederum bei langfristigen Anlagen kräftig ins Kontor.
____Können Sie das ungefähr beziffern?
CS: Wenn Sie geduldig 20 Jahre lang monatlich 100 Euro in einen attraktiven Fonds mit einer Rendite von 10 Prozent einzahlen, können Sie überschlägig einen Gewinn von um die 50.000 Euro erzielen. Bislang durften Sie den behalten. Der finale Depotwert betrug 74.000 Euro und der reichte bei 3 Prozent Rendite fast 16 Jahre lang für eine monatliche Rente von 500 Euro. Zukünftig sind aber in diesem Fall 12.500 Euro Abgeltungsteuer fällig. Es bleiben Ihnen 61.500 Euro, die unter gleichen Bedingungen bereits nach gut 12 Jahren verbraucht sind.
____Was ist mit Rentenfonds?
KF: Hier ist wieder der persönliche Steuersatz relevant. Liegt er über 25 Prozent, fahren Sie besser.
____Sie erwähnten bereits, dass bei Immobilien die Spekulationsfrist weiter gelten soll. Was bedeutet das für Immobilienfonds?
CS: Ausschüttungen werden mit der Abgeltungsteuer belastet. Aber wenn die Gewinne aus dem Verkauf von Immobilien erzielt werden, dann bleiben diese auch zukünftig steuerfrei, wenn zwischen Kauf und Verkauf mehr als zehn Jahre liegen. Dies gilt auch für direkte Investitionen in Immobilien. Steuerfrei bleiben auch ausländische Immobilienfonds, wenn es entsprechende Doppelbesteuerungsabkommen gibt. Hier hat nur der Progressionsvorbehalt geringe Auswirkungen.
____Was bedeutet dies nun für die Anleger? Kann die Einführung der Abgeltungsteuer auch zum eigenen Vorteil genutzt werden?
KF: Ja, das geht. Es wurde bereits erwähnt, dass niedrig verzinsliche Anleihen durch die Besteuerung von Kursgewinnen ab 2009 ihre Attraktivität verlieren. Aber bis dahin behalten sie diese natürlich. Und weil die Neuregelung erst für Käufe ab 2009 gilt, kann man sich damit vorher noch steuerfreie Kursgewinne über 2008 hinaus sichern.
Man kann auch hergehen und Zins-einkünfte, die je nach Einkommenssituation jetzt hoch besteuert werden, in die Zukunft verlagern und damit die Steuerquote auf 25 Prozent drücken. Mit Schatzbriefen lässt sich so etwas realisieren.
____Ein besonderes Augenmerk bedürfen wohl Aktienfonds.
CS: Wenn Sie hier längerfristig profitieren wollen, sollten Sie Dachkonstruktionen wählen. Wenn bei Mischfonds das Fondsmanagement die Anlagen disponiert, können Sie vor dem Stichtag einsteigen und noch lange von steuerfreien Kursgewinnen profitieren. Attraktiv sind auch so genannte Zielfonds. Die haben ein fixiertes Sparziel und das Fondsmanagement variiert den Anteil an Aktien und Anleihen. Und je näher das Ende der Laufzeit kommt, desto geringer wird der Aktienanteil und desto höher der Rentenanteil gewählt.
____Generell muss man wohl die Rendite seines Depots neu kalkulieren.
KF: Genau so ist es: Wenn progressive Anleger mit einem hohen Anteil an Aktien, Hedge.Fonds, Private Equity und Rohstoffen auch zukünftig ihre Renditehöhen behalten wollen, müssen Sie wegen der hier einsetzenden Steuerpflicht diesen Anteil noch erhöhen. Konservative Anleger haben hier geringere Anteile, so dass deren Renditen auch ohne Umschichtung steigen werden. Aber sie bleiben natürlich unter denen der progressiven Risikofreunde.
___Lohnt der Weg ins Ausland?
CS: Ja, der lohnt sich. Sie müssen aber wissen wohin. Denn einerseits steigt in Ländern, die keine Kontrollmitteilung an die deutschen Finanzbehörden verschicken, ab 2011 die Quellensteuer auf 35 Prozent. Da sind 25 Prozent deutsche Abgeltungsteuer dann recht attraktiv und können dazu führen, dass viele Anleger diesen Preis für die Anonymität nicht bezahlen wollen und in Deutschland anlegen. Andererseits sind natürlich Steueroasen wie Österreich, Luxemburg, Liechtenstein und Schweiz, wo Kursgewinne auf Aktien, Aktienfonds und Zertifikate steuerfrei sind, weiterhin eine Reise wert. Hier gibt es neue Modelle der Vermögensanlage im Versicherungsmantel, bei denen man von Zinsen, Dividenden und Kursgewinnen während der Laufzeit steuerfrei profitieren kann, nach Ablauf aber nur die reduzierte Steuerpflicht auf deutsche Lebensversicherungen hat. (vgl. Beitrag rechts)
Generell aber gilt, dass man fortan vorsichtig sein sollte mit längerfristigen Investitionsentscheidungen und die weitere Gesetzgebungsprozedur genau beobachten muss. bdp hält hier natürlich die Augen weit offen.
____Herr Finnern und Herr Schütze, wir danken Ihnen für das Gespräch.