Unternehmensberatung, in: bdp aktuell 123 | November 2015

Liquidität in Zeiten der Unsicherheit

Dr. Michael Bormann: „Automotivezulieferer müssen sich auf Durststrecken vorbereiten!“

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Es war mitten in der größten deutschen Showveranstaltung der Automobilwirtschaft, der IAA in Frankfurt am Main, als die Nachricht vom VW-Abgasskandal in die beste Feierlaune platzte. Mit einer speziellen Software war es dem Wolfsburger Automobilkonzern gelungen, optimale Abgaswerte für Diesel-Pkw nur auf dem Prüfstand zu erreichen, während im Alltagsbetrieb die Werte in die Höhe schnellten und jede amtliche Richtlinie ad absurdum geführt wurde. Die US-Umweltschutzbehörde EPA, das US-Justizministerium und die New Yorker Staatsanwaltschaft leiteten Ermittlungen ein. Mit bdp-Gründungspartner Dr. Michael Bormann sprachen wir über die VW-Krise und die Folgen für die Zulieferer.

Allein um 65 Milliarden Euro sank der Börsenwert innerhalb weniger Tage, in den USA drohen Strafzahlungen von bis zu 18 Milliarden Euro. Zunächst 6,5 Milliarden Euro, jetzt 6,7 Milliarden Euro an Rückstellungen für den Rückruf der betroffenen Fahrzeuge, davon allein 2,4 Mio. in Deutschland, verbuchte der Konzern. Im dritten Quartal 2015 fuhr VW einen Verlust von 3,5 Milliarden Euro ein. Es war der erste Quartalsverlust seit 15 Jahren. Hauptgrund für die enormen Verluste waren Milliarden-Rückstellungen für anstehende Rückrufe zum Umbau und Austausch der manipulierten Motoren. Allerdings: Ohne die sogenannten „Sondereinflüsse“ machte Volkswagen im dritten Quartal einen Gewinn vor Steuern und Zinsen von 3,2 Milliarden Euro.

Der Absatz ging bislang nur leicht auf 2,44 Millionen Fahrzeuge zurück. Grund waren schlechtere Geschäfte in Schwellenländern wie Brasilien und Russland, auch im wichtigsten Markt China setzte Volkswagen weniger ab. Aber für die Entwicklung der Absatzzahlen im dritten Quartal ist der Skandal bislang noch nicht ausschlaggebend.

Krisenbewältigung wird Jahre dauern

Das Ausmaß der Belastung ist nicht sicher abzusehen: „Es bestehen Rechtsrisiken, deren Bewertbarkeit zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht gegeben ist“ und die zu „erheblichen finanziellen Belastungen führen“ können, teilte VW mit.

Dr. Michael Bormann

Dr. Michael Bormann
ist Steuerberater und seit 1992 bdp-Gründungspartner.

Und das heißt: Die jetzt 6,7 Milliarden Euro an Rückstellungen werden mit Sicherheit nicht ausreichen. Experten schätzen die Gesamtkosten auf 20 bis 30 Milliarden Euro. Die Krise wird sich einige Jahre hinziehen – nicht zuletzt aufgrund langwieriger Prozesse vor allem in den USA. Ein verschärfter Sparkurs ist nun unausweichlich. Volkswagen hat angekündigt, jährliche Investitionen und Kosten von 1 Milliarde Euro einzusparen. Laut „Handelsblatt“ sind mehr als 200 Unternehmen weltweit von VW abhängig, weil sie direkt Geschäfte mit dem Unternehmen machen. 3 Milliarden Euro will VW allein bei den Zulieferern zur Krisenbewältigung einsparen.

Zulieferer seit der Finanzkrise besser aufgestellt

bdp-Gründungspartner Dr. Michael Bormann, der seit Jahren zahlreiche Automotivezulieferer berät, ist mit seinen Mandanten nahe am Geschehen dran. Er will nicht unbedingt düstere Szenarien prophezeien: „Dieselgate ist zwar eine große Herausforderung für VW und beileibe nicht das einzige Risiko. Aber VW hat enormes Potenzial und üppige Barreserven. Das Kerngeschäft läuft gut: Die Konzernmarke VW hat im dritten Quartal ihren Betriebsgewinn ohne Sondereinflüsse um 17 Prozent gesteigert, die Rendite stieg von 2,8 auf 3,0 Prozent. Und: Es kann durchaus auch sein, dass VW lediglich mit einem blauen Auge davonkommt. PR und Werbung des Konzerns konnten bis zuletzt verhindern, dass es zu relevanten Rückgängen der Stückzahl kam.“

bdp unterstützt Mandanten vor allem bei der Finanzierung für den Aufbau neuer Werke in China. „Diese Unternehmen mit ihren neuen Werken haben wir so aufgestellt, dass sie ihr Werk in China auch als Basis nutzen, um neue Kunden im asiatischen Raum zu akquirieren und so stärker unabhängig von Krisen zu werden.“

Dennoch warnt Dr. Bormann: „Wer immer in der Autobranche engagiert ist, muss der VW-Krise unbedingt höchste Aufmerksamkeit schenken.“

Bormann empfiehlt: „Unternehmen sollten jetzt noch einmal ihre Vertragsbeziehungen, ihre Produktionsabläufe, aber vor allem ihr Liquiditätsmanagement beleuchten und vorsorglich mögliche Krisenszenarien durchspielen. Nicht zu unterschätzen ist ja, dass viele Zulieferer bereits im Zuge der Finanzkrise einen Restrukturierungskurs gefahren sind. Insofern sind dort auch bereits Steuerungsstrukturen zur Krisenbewältigung geschaffen worden, die jetzt wieder genutzt werden können.“

____Die deutsche Autobranche steht vor großen Herausforderungen. Matthias Müller, der Vorstandsvorsitzende der Volkswagen AG, spricht von der „größten Bewährungsprobe unserer Geschichte“. Und das Dieseldesaster von VW bringt ja nicht nur einen Konzern in Schwierigkeiten, sondern könnte auch das Image von „Made in Germany“ negativ beeinträchtigen. Wie schätzen Sie die Lage und die Perspektiven ein?

„Die Situation ist ernst und trifft auf eine insbesondere in Asien nachlassende Automobilkonjunktur. Sicherlich zum falschen Zeitpunkt. Die bisher hoch angesehenen deutschen Produkte können insgesamt einen Schaden erleiden, selbst wenn zum heutigen Zeitpunkt noch nicht alle Hintergründe und das Ausmaß des Skandals bekannt sind.“

____bdp ist seit vielen Jahren stark im Automotivebereich und bei Zulieferern von VW engagiert. Spüren Sie in der Praxis bereits konkrete Auswirkungen der VW-Krise?

„Die Zulassungszahlen gehen, insbesondere in Asien, zurück. Das könnte sich weiter verschärfen. Für eine gewisse Verunsicherung unter den Automobilzulieferern sorgen sicherlich markige Worte, nach denen nun der Volkswagenkonzern einen Teil des durch ihn selbst verursachten Schadens von den Zulieferern durch weitere Preiszugeständnisse zurückholen will. Auf diese Verhandlungen muss man sich gut vorbereiten.“

____VW hat einen harten Sparkurs angekündigt und davor gewarnt, dass das „nicht ohne Schmerzen gehen“ werde. Noch ist nicht klar, mit welcher Strategie VW die Kosten senken will. Spekuliert wird sowohl über ein Insourcing zulasten der Zulieferer als auch über Outsourcing zulasten der teuren Stammbelegschaft. Was vermuten Sie, wohin die Reise gehen wird?

„Die Auswirkungen sind noch nicht absehbar, jedoch ist zu vermuten, dass sowohl innerhalb des Konzerns selbst, als auch gegenüber Zulieferern mit härteren Forderungen verhandelt werden wird, als es bisher der Fall war. Wer sich auf Gegenwind einstellt, liegt sicher nicht falsch.“

____Als Berater von Automotiveunternehmen müssen Sie auch dann Ratschläge erteilen, wenn die Rahmenbedingungen noch gar nicht abschließend geklärt sind. Wie gehen Sie mit diesen Unsicherheiten um? Anders gefragt: Wie bereiten Sie Ihre Mandanten strategisch auf zukünftige Herausforderungen vor?

„Für die Automotive-Zulieferer ist es wichtig, in Zeiten der Unsicherheit über genügend Liquidität und Eigenkapitalreserven zu verfügen, um auch eine gewisse Durststrecke zu überstehen. Dies ist jetzt geboten.“

____Eine Hauptregel guten Managements lautet, dass man gefährliche Fehlentwicklungen so früh wie möglich korrigieren soll, weil dann die Erfolgsaussichten am größten sind. Gibt es Maßnahmen, zu deren Umsetzung Sie bereits raten?

„Früher vielleicht einmal erwartete große Wachstumsraten, insbesondere in Asien, sollten überdacht werden. Es sollte ferner überprüft werden, inwieweit hier mit dem Auftraggeber vertragliche Vereinbarungen geschlossen wurden. Dann müssen diese auch durchgesetzt werden, um Schaden von den Zulieferern fernzuhalten.“

____Herausfordernd ist ja nicht nur die hausgemachte Krise bei VW. Es sieht ja alles so aus, als ob der wichtigste Absatzmarkt der deutschen Autobauer nicht mehr so stark wächst wie zuletzt. bdp hat sich in den vergangenen Jahren auch auf dem chinesischen Markt als Berater etabliert. Wie beraten Sie Ihre Mandanten, die dort engagiert sind?

„In China muss man sich auf eine nicht unerhebliche Delle des Wachstums einstellen. Alles andere wäre Augenwischerei. Es gilt, in China ähnliche Parameter anzusetzen, wie es auch in Europa zu Zeiten eines erheblichen Umsatzrückgangs der Fall war. Nur sind sämtliche Partner in China hier sehr unerfahren, beispielsweise kennen die lokalen Banken zurzeit eigentlich keine Verhandlungen über Tilgungsstreckungen und andere Sanierungsmaßnahmen. Dies wird jedoch in naher Zukunft unausweichlich werden. Wir sind hierauf vorbereitet und werden unseren Mandanten dabei helfen.“

____Dr. Bormann, vielen Dank für dieses Gespräch.

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